
Seit Jahren kennen wir das: Hilfslieferungen z.B. Getreide aus Europa an Hungernde irgendwo in Afrika, führt dazu, dass die lokalen Märkte dort zusammenbrechen, noch mehr Menschen verarmen, der betroffene Staat sich noch weiter verschuldet. Vertreter der Weltbank treten dann auf und empfehlen oder nicht selten befehlen eine verstärkte Exportorientierung, gerade mit Agrarprodukten des betroffenen Landes - eine Spirale weiterer Verarmung.
Als nun die UNO als eines der Millenniumsziele, die sie bis 2020 erfüllt sehen will, die Bekämpfung des Hungers in der Welt benannte, «Ernährungssicherheit» forderte, traten alsbald Organisationen aus den von Hunger betroffenen Ländern, allen voran «Via Campesina», auf den Plan und forderten stattdessen «Ernährungssouveränität». Nicht vermehrte Hilfslieferungen seien die Lösung, sondern die Ermöglichung, selber die nötigen Lebensmittel zu produzieren und auf lokalen Märkten zu verkaufen. Dies kann natürlich nur gelingen, wenn das Land weg von den für den Weltmarkt produzierenden, kleinen Eliten des Landes oder internationalen Konzernen mit Sitz in den USA oder Europa zurück an die Kleinbauern gelangt.
Was heißt das für uns in Europa, wenn wir eine solche Entwicklung hin zur Ernährungssouveränität begrüßen? Sollten wir nicht unsererseits versuchen, Ernährungssouveränität zu praktizieren? Ich verspreche mir da einen doppelten Effekt:
1. Je mehr bei uns für den eigenen Markt produziert werden kann, umso weniger steht dem Weltmarkt als unsere Überproduktion zu Verfügung, d.h. der Dumpingdruck auf andere Märkte verringert sich.
2. Je weniger wir konsumieren an exotischen Südfrüchten, umso mehr werden die dortigen Produzenten auf ihre eigenen lokalen Märkte angewiesen sein, vielleicht weniger mit Luxusfrüchten als mit Grundnahrungsmitteln.
Natürlich gibt es da keine Automatik. Immer neue, luxuriösere, nur mit dem Flugzeug transportable Früchte drängen auf unsere Märkte. Gleichzeitig wird großflächig Biodiesel produziert und verknappt zusätzlich das Land für subsistenten Anbau. Wenig hilfreich ist, wenn nun «Bio»-Produkte um den halben Globus geschippert werden.
Das bringt mich nun auf einen dritten Punkt: Es geht nicht ohne eine bewusste politische Willensbildung. Nur so lässt sich der gegenwärtige Wahnsinn stoppen. So ist für mich mein Gärtchen auch praktische Propaganda. Ich bin stolz, dass es mir gelingt, ein halbes Jahr fast nur vom eigenen Gemüse zu leben und ich lerne Jahr für Jahr dazu - übers Jahr verteilte Fruchtfolge, Schädlingsbekämpfung, Lagerung trotz kleiner Stadtwohnung, Aufzucht aus eigenem Samen etc..
Nicht verschweigen möchte ich zwei weitere Motive,die mich anleiten. Wenn ich das eigene Gemüse mit dem Fahrrad nachhause fahre, dann geht der Energieverbrauch - und damit co²-Ausstoß - bis zum Kochtopf gegen Null. Schon das ein Grund, zunehmend auch «Urbane Landwirtschaft» anzudenken und in die Stadtplanung mit einzubeziehen.
Das zweite Motiv hat eine längere Geschichte. Als ich vor Jahren arbeitslos war, haben wir uns als «Glückliche Arbeitslose» deklariert. Wir wollten einfach nicht in das allgemeine Gejammere um die knappen Arbeitsplätzchen mit einstimmen. War denn das wirklich so erstrebenswert, um fast jeden Preis irgendeinen Unsinn zu treiben und sich herumkommandieren zu lassen? Ein sinnvolles Leben statt Arbeit um jeden Preis! Das ist für mich zu einem guten Teil mein Gärtchen - wie ich oben darzulegen versuchte - Widerstand gegen eine unmenschliche Ideologie.
Meine «Vision»? Wenn Gedanken, wie ich sie darzulegen versuchte, um sich greifen, würde eine neue sehr viel umweltverträglichere und auch friedlichere Kultur entstehen. Wir bräuchten nicht mehr um die Welt zu jetten um uns vom «Alltagsstress» zu «erholen», selbst die Wochenendflucht «Aus grauer Städte Mauern» käme zum Erliegen. Wir bräuchten auch nicht mehr ferne Märkte mit welchen Mitteln auch immer zu «erobern». Wir bräuchten auch Europa nicht mehr wie eine Festung zu verteidigen. Reisetätigkeit, Migration wie Warenfluss würden nicht einfach zum Erliegen kommen, aber auf ein vernünftiges Maß sich einpendeln. Es ginge geruhsamer und auch geselliger zu bei uns und anderswo. Vieles könnte uns noch einfallen Urbane Landwirtschaft betreffend und für Jede/N gäbe es was Sinnvolles zu tun.
© Hanns Heim