
„Wer hinter die Puppenbühne geht, sieht die Drähte.“
Gestern wurde dem „Rosa Rose“-Garten die Harke gezeigt.
Morgens um 7.00 Uhr: Betreten dreinschauende Bauarbeiter erscheinen – etwas entfernt – angesichts der vielen sich versammelnden „Rosa Rose“-Gärtner und deren Sympathisanten.
Breitbeinigkeit der Hilfskräfte entsteht erst durch ein großes Aufgebot von Berliner Polizisten, die - ohne Kenntnis des Ortes - das ihnen Befohlene mit Gewalt durchdrücken. Die Demonstrantenkette vor dem Garten brutal auflösen, zwei Leute festnehmen. Erste symbolische Akte der Besitzanzeige: Herr Kreutzer durchmisst seine neue Bühne, stolziert übers Grundstück, das Handy am Ohr, ein Angestellter zerstört währenddessen mit der Kettensäge die Bar, an der bei unseren Sommerfesten selbstgebackener Kuchen und Getränke verkauft wurden.
Das buntbemalte Tor des „Gartens von allen für alle“ wird unter Protest ersetzt durch einen Bauzaun. In der hintersten Ecke des Gartens wird das erste Beet mit dem Bagger vernichtet, ein Karo auf dem Bauplan- wer spielt mit „Träume versenken“?.
Der Garten erscheint in seinen noch für Zehntelsekunden in die Luft gestanzten Konturen – zerfallende Schattenbilder – Negativumrisse. Ein grinsender Hilfsarbeiter mit Bagger: „Oh, das war ja ein schöner Backofen, hatte ich gar nicht gesehen.“ Den Lehmofen hatte eine internationalen Gruppe von Jugendlichen, die soziale Projekte in Berlin erfoschte, im Sommer 2005 innerhalb von zwei Wochen erbaut.
Polizist 1: „Wenn jetzt hier etwas Wertvolles zutage kommen würde, dann hätten Sie Glück, dann würden wir auch sofort abziehen und der Denkmalschutz würde hier erscheinen.“ Schaut er tatsächlich gespannt nach Steinzeitkeramik, während das Hochbeet verschwindet, das für eine Rollstuhlfahrerin angelegt wurde und ein wertvolles Ziel in ihrem von Krankheit und Isolation geprägten Alltag war?
Polizist 2: „Das mag Ihnen ja spießig vorkommen, aber haben Sie schon mal über einen Schrebergarten nachgedacht?“
Ja, ich habe darüber nachgedacht, aber die „Rosa Rose“ ist etwas anderes. Und da ich schon zur Arbeit pendeln muss, möchte ich nicht noch am Wochenende zu einem Garten pendeln. Wenn ein paar mehr Leute ihre Gärten in der Stadt hätten, bräuchten sie nicht die Frankfurter Allee zu verpesten, indem sie zu ihnen rausfahren. Werden unsere Städte in Zukunft nur noch mit dem Kriterium der Auto-Entfernung zu einem grünen Ort bewertet? Ich bin Großstädterin, möchte den Friedrichshain gern lebenswerter erfahren – und auch weiterhin ohne Auto auskommen.
„Was passiert jetzt eigentlich mit den Pflanzen?“, will ich vom Einsatzleiter der Polizei wissen. Die könnten doch eigentlich nichts dafür, dass Menschen keine Einigung finden.
Der Einsatzleiter antwortet: „Die Pflanzen interessieren mich jetzt am allerwenigsten.“ Gemüse gibt´s ja schließlich nach Feierabend wieder im Supermarkt, oft mit Flugzeugen aus dem Süden herbeigeflogen. Der Garten war auch ein Gegenmodell – Ernährung auf eigene Beine stellen – unabhängig bleiben von Supermarktketten, Bantam-Mais statt Gentechnik anbauen.
Am Tag zuvor hatte ich an der Universität Potsdam mit einer Gruppe von Jugendlichen einen Vortrag „Wie Pflanzen ticken“ gehört. Denke an die riesigen fleischfressenden Dschungelpflanzen, die vielleicht auch nicht alles interessiert, nur das eine....
Einige Zeit später stimmt der Einsatzleiter doch zu, dass die jungen Bäume und einige Pflanzen vom Grundstück geholt werden dürfen. Der Bauzaun steht, die Demonstranten verhalten sich friedlich, viele müssen zur Arbeit, aber es wird kein Arbeitstag wie jeder andere sein, weil währenddessen alles, was neben der Erwerbstätigkeit an Kraft für diesen besonderen Ort aufgewendet wurde, in einer fragwürdigen Räumungsaktion vernichtet wird. Und weil nicht nur die Grünfläche zerstört wird, sondern auch die Kommunikation im Kiez.
Jeder ist seines Lebens Gärtner – nicht jeder ist mit Vorstellungsvermögen begabt, das über das Kurzfristige, für den Moment richtig Erscheinende hinausreicht. Würde der Immobilienmakler, der seinen Gestaltungsdrang anscheinend nur auf genau dieser Fläche realisieren kann, selbst ausschließlich an diesem Ort wohnen wollen? Würde der Polizist, der an der Räumung teilnimmt, auch den Spielplatz seiner Kinder zerstören, sollte der Befehl dazu kommen?
Auch die Baulücke der Kinzigstraße gegenüber auf der Frankfurter Allee bekommt am gleichen Tag eine „sinnvolle“ Nutzung – ein weiterer „Strauss- Innovation“- Markt eröffnet. Wo werden die Sonnenliegen stehen, die dort angepriesen werden? Warum werden Baugenehmigungen zuerkannt für Behaglichkeitsausstatter, die uns die Sonne nehmen? Warum die Erlaubnis erteilt für „familienfreundliches Bauen“, das den im Kiez lebenden Familien aber einen wichtigen Treffpunkt nimmt?
Wir widerspechen sechshundertfach mit unserer Unterschriftensammlung aus der Anwohnerschaft. Wir werden versuchen, unser Nutzungsrecht rückwirkend geltend zu machen.
Heute haben wir im gut 2 m breiten Reststreifen, der Herrn Kreutzer noch nicht gehört, die Frühblüher und Kräuter aus dem „Rosa Rose“-Garten eingepflanzt. Nil, der Vierjährige, lernte, dass eine Tulpe nur mit Zwiebel wieder anwächst. Am Schluss verkündete er stolz: „Das sind jetzt meine zwei Beete, oder?“ Na, das mit dem Alleinbesitz muss man mit einigen noch diskutieren...
Zum Abschluss noch ein Zitat vom o.g. Wilhelm Busch, der sich über einige Figuren in der gestrigen Bildergeschichte bestimmt sehr gefreut hätte:
Willst du das Leben recht verstehen,
Mußt du´s nicht nur von vorn besehn.
Von vorn betrachtet, sieht ein Haus
Meist besser als von hinten aus.
Helga, 15.03.2008